Sind Motorräder INEFFIZIENT ?
Gedanken zur Energieeffizienz - Was beeinflusst den Verbrauch?
Sollten Motorräder nicht viel sparsamer fahren als Autos. Die Antworten darauf sind nur oberflächlich banal.
Warum verbraucht ein aktueller VW Golf 1.0 TSI 6 Liter und eine KTM 1290 Super Duke auch, obwohl sie viel weniger wiegt?
Quelle: Wikipedia - KTM 690 Enduro R, Bj. 2011
Sie können diese Frage mit beliebigen Modellen und Antriebsarten umformulieren. Die Zahlen verschieben sich, die Frage bleibt bestehen: Müssten Motorräder nicht deutlich weniger verbrauchen? Und: Warum tun sie das nicht?
Aus Gründen der Tradition verwendet dieser Text die Einheit ,,PS", um sie in Relation zu Masse (in kg) zu setzen, weil sich „kW pro kg" einfach noch nicht als Vorstellung durchgesetzt hat.
Ich geb' Gas, ich will Spaß!
Der banalste Aspekt ist der der Auslegung. Ein Motorrad in Europa wird nicht auf Fortbewegung optimiert, sondern auf seinen primären Einsatzzweck, den Spaß. Das Segment heißt „Powersports". Der realistischere Vergleich wäre also das Motorrad mit einem Sportauto. Die KTM Super Duke MJ 2018 wiegt 218 kg vollgetankt und leistet 130 kW (177 PS). Setzen wir noch 80 kg Fahrer drauf, liegt das Leistungsgewicht bei knapp 1,7 kg pro PS. Der Golf wiegt mit DIN-Fahrer (75 kg), fast vollem Tank (DIN: 90%) und Automatikgetriebe 1365 kg.
Ein Auto dieser Masse müsste für dasselbe Leistungsgewicht etwas über 800 PS leisten, um Parität beim Leistungsgewicht zu erreichen. Sie können ja einmal auf Spritmonitor durchblättern, was Autos in der Gegend 800 PS/1300 kg verbrauchen. Es sind mehr als 6 Liter.
Woran wiederum liegt das? An vielem. Ein Ingenieur mit der Aufgabe Leistungsmotor" baut anders als einer mit der Aufgabe ,,Effizienzmotor". Aktuelle Effizienz-Pkw-Motoren zeigen ihren Sweet Spot (effektivster Bereich) typischerweise bei 80% Drosselklappenöffnung, niedrigen Drehzahlen und hohem Drehmoment. In diesem Bereich sind die Drossel und Reibungsverluste am geringsten. Natürlich verliert ein Leistungsmotor an der Drossel ebenfalls Effizienz, sodass es auch dort das Paradoxon gibt, dass beherzter Gas geben zu erheblichen Verbrauchseinsparungen gegenüber mit geringer Last bei hoher Drehzahl Herumlullern führen kann.
Doch die Reibungsverluste nehmen quadratisch proportional zur Drehzahl zu, der Leistungsmotor wird hier also immer dem Kürzeren ziehen. Deshalb senkt der Ingenieur im Effizienzmotor die Drehzahl in den typischen Leistungsprofilen ab, unterstützt vom Automatikgetriebe oder einer langen Gesamtuntersetzung. Der VW-Einliter-Dreizylinder legt seine besten Verbräuche hin, wenn er tief brummt und vibriert. Solche Auslegungen gibt es im Motorradbereich nur sehr selten. Noch seltener akzeptieren die Kunden es.
Honda, Triumph, Kawa ...
Der VW-Einliter-Dreizylinder Honda etwa hat in der NC-Reihe in einem halbierten Motorblock des Kleinwagens Honda Civic einen guten Kompromiss zwischen Motorrädrigkeit und sparsamen Verbräuchen gefunden, der zur Positionierung der Reihe passt. Triumph bietet in der Street Twin einen Drehmoment motor an, an dem zur Erscheinung alle herummäkelten, weil er bei 900 ccm Hubraum ,,nur" 65 PS Nennleistung liefert. Triumph druckste im Vorfeld der ersten Vorstellung mit der Nennleistungsnennung herum, weil die Ingenieure wussten, dass sie mit diesem Wert keine Sympathien erwarten durften.
Doch wer auf der Street Twin kleine Landstraßen entlang surft, immer im Sweet Spot des Motors unten Mitte, der vermisst nicht viel und reibt sich an der Tankstelle die Augen: um die 3 l/100 km sind problemlos beschwingt drin. Er ist toll, er generiert auf dem Konzept viel Freude und wenig Kosten. Solche Motoren sind jedoch Ausnahmen in Nischen.
Die meisten Motorradmotorentwickler legen das maximale Drehmoment weit nach oben, so dass a) eine hohe Nennleistung her auskommt und b) das Ganze sportlich fährt. Ein so optimierter Motor wird jedoch selbst bei niedrigen Drehzahlen unter peinvoll sparsamer Hand am Gas nicht die Werte eines auf Effizienz optimierten Gesellen erreichen.
Dazu kommt: Im Motorradbereich sprechen wir praktisch ausschließlich von Benzin-Saugmotoren, weil Aufladung Platz, Gewicht, Aufwand und Geld kostet. Diesel hat praktisch keine Relevanz, Elektro fängt erst langsam in den Führerschein-Segmenten M und A1 an. Die Effizienzsteigerungen der Aufladung fehlen also komplett. Kawasakis Aufladung in den H2-Modellen dient nicht der Effizienzsteigerung. Der Kompressor schaufelt bei Topspeed so viel Luft in die Airbox, dass die Einspritzanlage über 30 l/100 km Benzin pumpt. In unter 20 Minuten wäre der 19-Liter-Tank leer, gäbe es Strecken, Fahrer und Hinterreifen, die das aushalten. Beim Herumbummeln braucht der H2-Motor gern das Doppelte von Motoren, die bei derselben Leistungsabgabe dasselbe Tempo mitfahren. Das zum Thema „Kompressorauslegungen und Effizienz".
Sind Motorräder rückständig? Die Konzentration auf sportliche Sauger-Ottomotoren geht dann Hand in Hand mit der Nutzung:
Die Fahrer geben gern und viel Gas, was viel Energie kostet. Im Golf 1.0 kannst du gern und viel Gas geben und trotz- dem effizienter fahren, weil der einfach nicht stark beschleunigen kann. Mein wahlloses Eingangsbeispiel mit der Super Duke ist da nicht ein- mal besonders extrem. Aktuelle Superbikes haben (ohne Fahrer) mehr PS als kg - mit Saugmotoren!
Blättern Sie ruhig weiter in Ihrem Autokatalog, was in solchen Sphären überhaupt noch vierrädrig existiert. Notieren Sie den Preis. Notieren Sie den Verbrauch. Schauen Sie dann auf z. B. eine Honda Fireblade. So rückständig schaut sie plötzlich nicht mehr aus. Sind Motorräder rückständig? Die Konzentration auf sportliche Sauger-Ottomotoren geht dann Hand in Hand mit der Nutzung:
Die Fahrer geben gern und viel Gas, was viel Energie kostet. Im Golf 1.0 kannst du gern und viel Gas geben und trotz- dem effizienter fahren, weil der einfach nicht stark beschleunigen kann. Dasselbe Bild in elektrisch: Eine Zero SR/S verbrauchte im Test 9 bis 12 kWh/100 km brutto. Ein vergleichbar getretenes Auto nimmt dabei 30 bis 40 kWh, meist ohne vergleichbare Beschleunigungen zu erreichen. Die SR/S erreicht ihre Wheelie-Grenze (ungleich: Leistungsgrenze) bei 3,3 s von 0 auf 100 km/h. Wer aus dem Stand schneller sein will, braucht einen Porsche Taycan Turbo aufwärts, in dem er feststellen wird, dass bei Beschleunigungen mit Start oberhalb 0 km/h die Zero ihm dennoch oft wegfährt, aus Gründen der Masse.
Schließen wir diesen Abschnitt mit einem Umstand, der nicht überall bekannt ist:
Klebrigere Reifen sind klebriger, sie erhöhen also den Fahr widerstand und somit den Verbrauch. Betrachten Sie nun die typischen Gummimischungen auf Motorrädern und Autos. Ich würde übrigens niemandem raten, auf einer Zero SR/S oder SR/F oder einer Harley Livewire oder einer Energica Ego auf holzigen Energiesparreifen auszurücken. Legen Sie sich bitte in diese Mulde. Dieser Exkurs soll uns nicht vom Fakt ablenken, dass Motorräder tatsächlich Tank-to-Wheel weniger effizient sind als Autos, selbst bei solchen faireren Vergleichen. Das gilt für batterieelektrische Motorräder genauso. Die Reihe Batterie-Wandler-Motor-Getriebe-Hinterrad arbeitet im E-Motorrad ineffizienter als im E-Auto.
Ein für alle Antriebsarten wichtiger Aspekt über 60 km/h, wenn der Luftwiderstand den Rollwiderstand übersteigt: Aerodynamik. Die zerklüftete Struktur eines Kraftrads mit sich frei drehenden Rädern ist toll für die Kühlung, aber ein Albtraum in Sachen Strömung - und das, noch bevor sich ein unförmiger Mensch in weiter Textilkombi draufsetzt. Um dennoch hohe Endgeschwindigkeiten zu erreichen, setzen Sportmotorräder auf eine kleine Stirnfläche (denn der Gesamtwiderstand berechnet sich aus CW mal Stirnfläche), Vollverkleidung und eine liegende" Fahrerposition auf den Rennstreckengeraden oder der Autobahn. Kennst du das Rekordfahrtbild von Rollie Free auf der Vincent?
Haben Sie schon einmal diese Kuhle im Tank eines Sportlers betrachtet? Da muss das Kinnteil des Helms rein für eine liegende" Position. Derart intim an die Maschine gekuschelt liegt der kombinierte CW-Wert Maschine-Fahrer im Windkanal gemessen bei knapp unter 0,5 (in Lederkombi, nicht mit flatterndem Polyester). Der VW Golf 7 kommt auf unter 0,3, wie die meisten modernen Autos.

AUDI A2 1999-2005- cW-Wert 0.25 (Quelle Wikipedia)
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(Quelle Wikipedia)
Am Ende möchte ich das Bild zurechtrücken: Ja, das Motorrad ist ineffizienter als das Auto. Nein, es ist nicht ressourcenfressender. Im Gegenteil. Da es viel kleiner ist, liegen alle Ressourcenverbräuche bei vergleichbaren Auslegungen auch wesentlich niedriger - nur eben nicht linear niedriger.
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